Setting

Gestern erzählte ich meine persönliche Geschichte, – ja, ich, als dumme Kuh – vor Publikum. Genau genommen war es ein Sesselkreis. Ich berichtete diesem Gericht nach bestem Gewissen. Tatsächlich, ich war gestern Abend nicht witzig, klagte an, und das ist ja wirklich nicht schön. Ganz zu Recht husteten die Sessel mir nach der Show etwas ins Gesicht. Sie hatten ein verbrieftes Recht auf süße Worte. Die Sessel sind gewissermaßen Vierbeiner wie ich, sie werden auch nur von der Lust gesteuert, und die Pointe ist, zugegeben, etwas bemüht, aber ich kann es nur so sagen: Besessen waren sie nicht, so wurde ich unlustig, und das bekümmerte mich.

Schwärzler & Brändle

Im Traum saß ich in der Tinte. Die Alpenpolitik machte mich heiß, ich kochte. Um Dampf abzulassen, ging ich ins Café „Schwärzler & Brändle“. Dort legte ich die nötige Kohle ab. Es brannte mir etwas auf der Seele. Mein Ärger entzündete sich. Das ging immer so weiter, ich hatte keine Stimme, klar. Ich dachte: Die Stimmen werden verbrannt, das muss doch etwas bringen. Tatsächlich reichte mir die Bedienung einen sogenannten Stimmzettel: Ich sollte mein Leben abschreiben. Also schrieb ich: „Mein Leben“. Dann legte ich das Blatt in die Urne, die mir angeboten wurde. Wahrscheinlich aber war es ein Ass. Wir waren, wie ich merkte, beim Kartenspiel, spielten Whist. Und „Whist“ – das heißt ja „Still!“. Allerdings gabs dann plötzlich Krach. Meine Oma, geborene Schwärzler, verheiratete Brändle, platzte in die Runde. Sie sagte, sie spielt die Feuerwehr, um meine Beschwerden ins Parlament zu bringen. Diese Beschwerden wirklich taten weh, wie ich bemerkte, und im Parlament wurden sie an diesem Tag verbrannt, bis den Parlamentarierinnen die Ohren glühten. Dazu rief ein Ordner: „Albglühen, Albglühen! Wer nicht hören will, muss fühlen.“

Biografie

Heute Morgen behauptete die Freundin,  die Erzählerin der Geschichte mit den negativen Emotionen, die als Währung dienen, zu sein. Ja, es sei so, dass sie mein Leben lange vor mir erfunden habe, dass sie es gewesen sei, die es veröffentlicht habe, dass es mich sonst gar nie gegeben hätte. Durch den unerwarteten Ausfall ließ ich mich dann leider dazu verführen, darauf hinzuweisen, dass die Geschichte, die sie da gerade erzählte, doch schon lange geschrieben worden sei. Bitteschön, ich sei doch die Autorin, das wisse sie, da sie mich veröffentlicht habe, die Sache sei in Wirklichkeit daher hoffnungslos aus der Mode. Zu spät erkannte ich, dass ich mit meiner Reaktion tatsächlich wieder etwas von der früheren Währung erzeugte, die hier ja gar nicht mehr im Umlauf ist. Ich werde jetzt geschnitten. Und meine Überlegungen gehen nun dahin, mich als Erzählerin selbst frühzeitig aus meiner eigenen Biografie herauszuschneiden. Ich bin als Autorin dieser Geschichte eine Provokation, die nicht zu vertreten ist beziehungsweise die – umgekehrt – unbedingt sofort von jemand anderem vertreten werden sollte, wie auch immer.

Torkeln

Was tun? Wir sind heute so euphorisch, aber auch verängstigt und depressiv, dass wir nahezu jede Droge einwerfen würden. Doch sind wir eben das eine sowie das andere, daher bräuchten wir für uns (mich) endlich mehrere Körper, damit die eine Droge nicht auf die andere einwirkt, also mehrere auf einen Kopf, der dann erst recht aus dem Konzept geriete. Überhaupt wäre es praktisch, sie zu haben, um bei einer Bedrohung des Lebens einfach einen anderen benutzen zu können. Also wenn noch immer von diesem gefährlichen Wir gefaselt wird, das einen Kopf und viele Körper hat, weiß ich nicht, wo die Leute hinsehen. Zumindest in diesem Moment sind wir doch eher viele Köpfe, die einen einzigen Erdkörper haben, der wie verrückt um die Sonne herumwirbelt. Sein Schwindel macht uns Torkeln. Seine Organe – alle die Rehe, Wasseradern, Monstera-Pflanzen und Menschen, die unterschiedlich auf alles, also einander, reagieren – sind heute in mir (uns) im Aufruhr.

Manifeoste

 

Und das hier ist also unser Manisoft, weniger hart oder fest als etwas, das wir kaum benennen können. Warum diese spezielle Form der lehmigen Abweichung, warum diese Frage einer Lösung? Nun, wir versuchen, uns nicht wie andere durch Manifeste abzuheben, nicht durch die harte Hand. Ja, wir wollen uns sogar von allen Abheberinnen mit ihren bestechenden Trümpfen absetzen. Daher haben wir hier nun wieder einen ziemlich missratenen, aber um nichts weniger heftigen Versuch der Selbstüberhöhung vor uns. Wir nennen ihn den eines absoluten Totalessm. Wir sind sicherlich total less als vieles. So schreiben wir in Einzelarbeit unsere Pamphlete für ein Ganzes, das wir aus ihnen niemals zusammenfügen können, wie auch wir nie zusammengefügt werden werden, Amen. Manifeoste! Unsere – meine – manikürten Hände der Egomanie! Wir sind bewundernswert, und können gut tasten, und immerhin geht es um ein differenziertes Begreifen, ein flüssiges Handeln (auch: Sprechen), weil wir es sagen, und so beweisen wir: Wir sind die Flüssigsten von allen, rinnen einander durch die schlimmen Finger und ätzen. Schluss. Liebe Bäurinnen, Krankenpflegerinnen, Pizzabäckerinnen, Kanalarbeiterinnen! Wir bitten euch, eure Manifeste zu schreiben, damit wir begreifen können, wie ihr es zuwege bringt, miteinander Tag für Tag zusammenzuarbeiten. Wir hier stecken bezüglich von fast allem im Stadium des Theoretischen.

Es sind immer gerade Wahlen

Wir haben es so einfach jetzt, so als Pflanzen.

Wir brauchen keine Menschen zu töten, um nicht zu verhungern.

Nur manchmal beißt einer in unsere toxischen Teile.

Ansonsten nur noch natürliche Todesfälle.

Eigentlich müssten Menschen auch keine Menschen fressen.

Das wäre ja gar nicht nötig.

Definiere Notwendigkeit!

Tötet der Pilz Springschwänze, damit wir genug Stickstoff bekommen?

Der alte Buchenstumpf nebenan. Du überweist ihm immer noch Zucker?

Es sind immer gerade Wahlen.

Vielleicht gehen wir bald weg.

Der Grund, warum wir noch hier sind, sind die Sonnenflecken.

Es ist die magnetische Anziehung zwischen uns.

Es sind einzwei Leute.

Imkerei

Wir beobachteten kürzlich die Imkerei-Leute, die den Bienen ihre Rauchopfer darbringen. Jetzt nehmen wir an, dass die Göttinnen und Götter, denen in früheren Jahrhunderten Rauchopfer dargebracht wurden, ebenfalls Insekten waren. Wir wollen wissen: Wohin sind die Bienen-Statuen? Haben wir sie bereits ausgegraben und für etwas Falsches gehalten?

Haarklemmen

Zerbrechliche Armlehne (Lied des Odysseus): Heute Nacht habe ich entdeckt, dass Haarklemmen im Traum als Speichermedien einsetzbar sind. Ab sofort kann ich viel mehr Material herüberschaffen. Ich kann jetzt viel mehr Träume realisieren. Ich muss es nur noch zusammenbringen, Haarklemmen in meinen Traum hinüberzubringen. So ein „toller“ Makler bin ich. Ach, und wenn ich – so toll, wie ich bin – auch Herkamen herüberbringen würde, hierher, wo ihre Träume schon sind? Wenn ich beim griechischen Übersetzen die Geschichte neu schriebe? Für Leute, die mit Makrelen kraulen, seit sie naeherkamen, am Haken des Traums, fremde Kraehen überm Wasser zu sichten. Wenn ich meine Marken verkaufte und stattdessen Anker erstünde, die ich lichtete, um Leute auf Almen zu bringen, in herrliche alpine Lüfte? Im Sozialprodukt stecken der Stil, der Skiort und die Short. Das ist bekannt. Doch habe ich, als ich aus dem Griechischen übersetzte, entdeckt, dass auch der Port drinsteckt, ein Fremdwort, das Berge versetzt. Ich meine, es wäre das Spiel durchaus wert, wenn man in der Heimat einen Hafen sehen möchte.

Geschäfte

Bericht: Immer wieder erleide ich schwere Rückfälle, wenn es um das Vermeiden von „Geschäften“ oder von „geschäftlichem“ Denken geht. Beispielsweise war ich heute auf dem Postamt. Die Frau, die in der Warteschlange hinter mir stand, summte eine Melodie vor sich hin. Hätte ich von der Szene einen Film gesehen, hätte ich mich zur Umarmung der Menschheit berufen fühlen. Aber hier? Es konnte nicht sein! Im Postamt herrscht das Gesetz des freudlosen Funktionierens. Plötzlich glaubte ich zu wissen, dass diese Störung ihr Lied an mir vorbeischickte, um mich akustisch zu überholen. Sie wollte sich in ihrem rosafarbenen, knapp nur über den Arsch reichenden Spitzensong an mir vorbeischleichen, um schneller zum Schalter zu kommen. Ich mauerte mit beiden Ellbogen. So geschah gerade noch einmal all das, was das Protokoll vorsah. Aber im Spar, kurz darauf, setzte sich die Problematik fort. Man wollte mir offensichtlich eine Lehre erteilen. Aus dem Supermarktradio tropfte ein süßer Sommersong auf die importierten Exotinnen von Erdbeeren runter. Ein junger Beachboy wippte im Takt und sang mit. Ja, dieser Eislutscher rauschte wie eine überdimensionale Biene, deren Flügelschlagen das Schütteln von Vorhangrüschen imitiert, zwischen den Gemüschen herum. Also, ich konnte die Reaktionen der Karöttchen nicht wahrnehmen, aber man kann sie sich denken: Irgendetwas zwischen Todesangst und Sehnsucht nach dem Begehrtwerden – dazwischen spannte sich ihre orangefarbene Oberfläche auf. Ich wurde nun quengelig. Der junge Mann in seiner aufdringlich muskulösen Jugend wollte über mich triumphieren, das spürte ich, auch wenn ich das Gegenteil ahnte. Der wollte, wie mir mein Körper sagte, den ganzen Raum für sich allein. Ich wurde von der Prophezeiung dieser feschen Statur beinahe schon hinweggefegt. Keine Frage, ich korrigierte mich immer wieder, aber mein Unwillen blieb. Ich nahm mir daher vor, einen Mechanismus zu entwickeln, der das „Annehmen des Schlimmsten“ in Bezug auf andere in Echtzeit unterbindet.

Verschwundene Stellen

Stichwort „verschwundene Stellen“: Wir haben entdeckt, dass es sehr fruchtbar sein kann, in einer Zeit der schwindenden Stellen, die aufgrund der immer größer werdenden „Löcher“ in der „Berufslandschaft“ eine Utopie denkbar werden lassen, „ungeregelten Tätigkeiten“ nachzugehen wie zum Beispiel dem Züchten von Gurken. Keiner sagt, wann was zu tun ist, nur das Wesen. Wann gießen, wann essen wir die Gurken, die wir nach unserem Gutdünken gepflegt haben? Sie sind eine Alternative zu „Gütern“ und damit zur Krankheit, Brauchbares wegzuwerfen. Eine Steigerungsform des „Gutes“ könnte erscheinen. Das wäre das „Ausgebesserte“. Das „Ausgebesserte“ würde ein Loch mit einem Stück Stoffmüll kennzeichnen, der somit aus der Welt verschwände, um in der Funktion einer Zierde wieder aufzutauchen. Beschimpfen Sie mich  als bürgerlich! Ja, ich bekenne, ich habe eine löchrige Bluse behübscht. Jetzt brauche ich sie, bis sie weg ist. Das Wort „Beschäftigung“ fesselt mich jetzt in einem anderen Sinn als dem, der in Arbeitsverträgen beschrieben wird. Die „Beschäftigung“ steht in meinem Wörterbuch im Gegensatz zum Wort „Geschäft“.